| Veröffentlichung: Stefan Aigner | |
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Buchvorstellung im Rathaus: Kirche voller Fehl und Tadel Stefan Aigner • 7. Sep. 2011 • Panorama, Vor Ort• Artikel ausdrucken
„Er war geil! Schlimmer als es jedes Tier dieser Welt sein könnte. Ich sehe dieses schwitzende, eklige und grausame Monster noch immer vor mir. Ich fühlte mich wie in einem Käfig eingesperrt, keine Chance zu entkommen. Der Pfarrer bat mich zu sich, hielt mich fest, umklammerte mich und schmiegte sich schleimig an mich.“ Manchmal fällt es schwer, in dem Buch weiter zu lesen, das am kommenden Freitag im Alten Rathaus in Regensburg vorgestellt wird (Freitag, 16. September, 19.30 Uhr, Dollingersaal). In „(Ohne) Fehl und Tadel Kirche, klerikale Täter und deren Opfer“ kommen ausschließlich Betroffene von sexuellem Missbrauch, deren Angehörige und Vertrauenspersonen zu Wort. Sie schildern intensiv und schonungslos, was ihnen widerfahren ist, welche Folgen das für sie und ihre Familien hatte, warum sie oft lange geschwiegen haben und gegen welche Widerstände innerhalb, aber auch außer der Kirche sie zu kämpfen hatten, als sie ihr Schweigen schließlich brachen. Der Sozialpädagoge Johannes Heibel, Vorsitzender der international tätigen „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.“, hat die Fälle zusammengetragen und Anfang September in Buchform herausgebracht. „Die Kirche muss eigene schwere Verfehlungen uneingeschränkt öffentlich eingestehen und spürbare Konsequenzen einleiten“, appelliert Heibel. Er erkenne zwar an, dass man sich seit dem Jahr 2010 „etwas intensivere Gedanken“ darüber gemacht habe, wie man innerhalb der Kirche Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verhindern könne, aber: „Die bisher eingeleiteten Reformen reichen bei Weitem nicht aus.“
Drei Fälle aus der Diözese Regensburg Dass die erste Vorstellung des Buches in Regensburg stattfindet, kommt nicht von ungefähr: Drei darin geschilderte Fälle sind hier in der Diözese passiert und gerade der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller ist dafür bekannt, dass er Kritik an seiner Person oder dem ihm umgebenden Führungspersonal scharf zurückweist und jedwede persönliche Verantwortung ablehnt. Dass dies die Opfer durchweg anders sehen, wird nicht nur er diesem Buch entnehmen können. Sehr detailliert und sehr persönlich schildern sie, wie die Kirche und ihr persönliches Umfeld mit ihnen umgegangen sind. Man erfährt, wie Gespräche zwischen Betroffenen und den Verantwortlichen im Ordinariat ablaufen. Es wird beschrieben, wie ein von der Kirche als Missbrauchsbeauftragter eingesetzter Psychologe den Opfern von einer Strafanzeige abrät und eine Religionslehrerin die Schilderungen eines missbrauchten Jungen als Einbildung abtut. Betroffene erzählen, wie sie von Gemeindemitgliedern geschnitten und zum Teil bedroht werden, nachdem sie an die Öffentlichkeit gingen. Auch das das Bistum ursprünglich versprochen Therapiekosten verweigerte, nachdem das Schweigen gebrochen wurde, ist ein Thema. „Anstatt über das Erlebte zu sprechen und es zu verarbeiten, griff ich zu Alkohol und Drogen, um die Situation für mich erträglicher zu machen. (…) Auf Fremde, insbesondere auf Frauen, zuzugehen, fiel mir sehr schwer. Die Kirche fragte nicht einmal nach, ob es unserer Familie besser ging. Wir wurden einfach alleingelassen.“
Verschweigen, vertuschen, versetzen Ob nun in Riekofen, wo der Pfarrer Peter K. 2008 wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, Georgenberg, wo Pfarrer Franz K. 2003 wegen sexuellen Missbrauchs an zwölf Jungen ebenfalls drei Jahre ins Gefängnis musste oder Falkenberg, wo 2006 ein Priester wegen sexueller Nötigung 18 Monate auf Bewährung bekam: Stets hatte es zuvor schon solche Vorwürfe, zum Teil Verurteilungen gegeben, die bei den Kirchenoberen bekannt waren. Stets waren die Priester stillschweigend versetzt und erneut auf Kinder losgelassen worden.
Nach der Buchvorstellung wird am Donauufer eine Feuerinstallation stattfinden. Die Motive der Verantwortlichen beschreibt eine Pfarrgemeinderätin in dem Buch so: „Um das Ansehen der Kirche nicht zu beschädigen, schrecken Geistliche vom Pfarrer bis hin zum Generalvikar (gemeint ist der frühere Generalvikar Wilhelm Gegenfurtner, d. Red.) trotz besseren Wissens nicht vor der Verbreitung von Unwahrheiten zurück. Die Kirche hat anscheinend kein Interesse daran, strafrechtliche Tatbestände aufzuklären, anzuklagen und vor ein unvoreingenommenes weltliches Gericht zu bringen. (…) Sie vertuscht, gibt nur so viel zu wie unbedingt nötig, und das auch nur, wenn der Druck von außen durch Pfarrangehörige zu groß wird.“ „Der Kirche aktiv Paroli bieten“ Im Anschluss an die Buchvorstellung werden die Organisatoren am Donauufer eine Feuerinstallation mit dem Titel „Mut“ entzünden. Man kann das Spektakel auf Höhe der Historischen Wurschtkuchl beobachten. Dass auch den Verantwortlichen im bischöflichen Ordinariat ein Licht aufgeht, bleibt zumindest zu hoffen. „Im Nachhinein bin ich sehr froh, den Weg in die Öffentlichkeit geschafft zu haben, weil ich dadurch gelernt habe, dieses Thema ganz anders zu betrachten. Anstatt in der passiven Opferrolle stecken zu bleiben, habe ich mich dafür entschieden, der Kirche aktiv Paroli zu bieten. (…) Ich wünsche jedem, der etwas Ähnliches erlebt hat, den Mut, aufzustehen und ‘Nein!’ zusagen. Nein zu dieser Ungerechtigkeit in der Hoffnung, dass sich in unserer Gesellschaft in Zukunft einiges ändern wird.“ |